Stil und Moral von Lukas Bärfuss (Schweiz)

Ist es eigentlich moralisch verwerflich, sich an der Belesenheit und Klugheit eines anderen zu bereichern? Wenn ja, wäre dieses Buch für die heimliche, verschämte Lektüre unter der Bettdecke zu empfehlen.
Der Band Stil und Moral vereint Essays des Schweizer Schriftstellers und Dramaturgen Lukas Bärfuss aus den Jahren 2002‒2014, die für diesen Band thematisch zusammengestellt und überarbeitet wurden. Die Themen lassen sich grob den Bereichen Kunst, Bildung, Politik und Philosophie zuordnen. Viele haben autobiographische Ausgangspunkte. Ich danke dem Wallstein Verlag, der mir das angefragte Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat!
Ein Aufsatzband, der von Stil und Moral zu handeln ankündigt, könnte den einen oder anderen dazu verleiten, sich schon halb zu Tode gelangweilt über drögen Abhandlungen oder vorsintflutlichen Belehrungen über dem Buch einnicken zu sehen – falls es überhaupt dazu käme, dass er es zur Hand nimmt. Bedenken dieser Art sind aber unbegründet. Langweilig, affektiert oder gekünstelt wissenschaftlich geht Bärfuss an keines der Themen heran, die er in diesem Band bespricht. Er ‚bespricht‘ sie auch nicht eigentlich; er erzählt, und im Erzählen lässt er den Leser teilhaben an seinen Beobachtungen und Gedanken, an seinen Lese- und Theatererlebnissen an philosophischen Betrachtungen. Seine außergewöhnliche Perspektive, die um Durchdringung gleichermaßen wie um Distanz bemüht ist, macht diese Betrachtungen für den Mitlesenden so unschätzbar wertvoll.
Vor einiger Zeit habe ich in diesem Blog von Tomas Tranströmer Die Erinnerungen sehen mich vorgestellt und geschrieben, dass es Tranströmer wichtig ist, das Eigene, die eigenen Erlebnisse und Gedanken, nicht zu stilisieren, nicht festzunageln in Bildern – denn der Wirklichkeit, der Komplexität der Wahrnehmung und des Denkens entsprechen solche Bilder nicht. Daran musste ich bei der Lektüre dieser Texte denken: Bärfuss hat eine außergewöhnliche Biographie, die in einigen Texten auch Gegenstand der Erzählungen ist: Auch er ist (wie Tranströmer, mit dem ich ihn aber im Folgenden nicht weiter vergleichen will, obwohl sich Parallelen aufdrängen, wie das exzessive und altersuntypische Lesen…) ohne seinen Vater aufgewachsen. Er besuchte als Junge eine Schule für ‚hoffnungslose‘ Kinder. Eine Ausbildung bei einem Buchhändler brach er ab, um Schriftsteller zu werden… Den Ausweg aus einem vorgezeichnet scheinenden Leben eröffneten ihm vermutlich sein großes Interesse an Literatur und sein Wissensdurst. Die Schule habe er nie gebraucht, schreibt er, aber Lehrer. Mehrere Texte handeln von der Dankbarkeit gegenüber den Lehrern, die ihren Beruf ernst nahmen, sich um die Kinder kümmerten und „ihre Niederlagen nicht allzu gut zu verstecken versuchten“. (S. 12)
In allen Texten wird der Hunger nach Erkenntnis, nach neuen Sichtweisen deutlich. Immer wieder zeigt er, wie Situationen sich drehen, weil sich der Blickwinkel ändert, weil sich die Bewertung durch den Betrachter ändert. Besonders angesprochen hat mich ein Text über die Robert-Walser-Lektüre des Autors, in dem er einen ganz besonderen Moment seiner Leseerfahrungen beschreibt, nicht zuletzt, weil Robert Walser seit einiger Zeit auf meiner virtuellen Leseliste steht und ich nun umso gespannter darauf bin. Spoilern werde ich diesen Moment hier natürlich nicht. 🙂
Bärfuss macht Aspekte sichtbar, die man selbst vielleicht an den Dingen noch nie bemerkt hat, über die man vielleicht noch nie nachgedacht hat, die einem aber von diesen Einsichten etwas vermitteln, nach denen auch er selbst schon früh gehungert hat, die er sich unter anderem durch seine Lektüre- und Reiseerlebnisse verschafft hat. Die Fragen nach dem Guten und Richtigen, nach einem gewissen Stil, die dem Band seinen Namen gegeben haben, werden mindestens so stark von Überlegungen aufgewogen, die gerade nicht nach Bewertung fragen, sondern nach dem unbewerteten, vielleicht sogar unbewussten Erleben im Augenblick.
Über dieses Buch ließe sich Vieles mehr sagen. Mir gefällt der essayistische Stil, mit dem literarische und philosophische Themen ohne den „Bildungsballast“ (S. 221) behandelt werden, auf den Bärfuss in seinem den Band beschließenden provokativen Text anspielt.
Mich spricht diese Art zu schreiben an, und Lukas Bärfuss ist ein Autor, bei dem ich gerne mal eine Lesung besuchen würde.
Wenn die Besprechung Euch neugierig gemacht hat und Ihr mehr über Lukas Bärfuss wissen wollt, empfehle ich dieses Interview im Schweizer Fernsehen: „Sternstunde Philosophie“, worin er über seinen Roman Koala spricht, für den er 2014 den Schweizer Buchpreis erhalten hat: https://www.youtube.com/watch?v=clsiz9FM0j0

Lukas Bärfuss: Stil und Moral. Göttingen: Wallstein 2015.

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