E.B.O.N.Y.

Das beste Riddle Game, das ich je gespielt habe:

„Click Here To Start“ und schon ist man in einer Welt, die man so schnell nicht wieder verlässt. Auf jeder Seite warten neue Rätsel, die auf ganz unterschiedliche Art gelöst werden müssen. In den ersten Kapiteln gibt es eine Einführung über mögliche Lösungswege. In verschiedenen Foren findet man spoilerfreie Hinweise, in den höheren Leveln ist man ganz auf sich gestellt. Anders als in anderen Rätselspielen gibt es hier eine Storyline (die ganz nach meinem Geschmack extrem skurril ist). Bald stellt man fest: Offenbar laufen in dieser Welt noch andere Verrückte herum, mit denen man teilweise die Gelegenheit hat, ins Gespräch zu kommen.

Aneninen, der Schöpfer dieses Spiels, ist meines Erachtens ein Genius.

Heute habe ich (eins der) Level 75 erreicht, das vorerst letzte. Das Spiel ist seit 2008 online. Im Mai 2016 sind die jüngsten Level hinzugefügt worden. An vielen Stellen gibt es mehrere Möglichkeiten und sich verzweigende Pfade, so auch unterschiedliche Ausgänge. Wenn man es also tatsächlich geschafft hat, diese verrückte Welt zu verlassen, kann man sich gleich wieder hineinstürzen, um andere Wege zu finden.

Und ja – ich bin so verrückt.

 

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Der Schneekristallforscher von Titus Müller − Buch-Date 2

Beim zweiten von wortgeflumselkritzelkram und Zeilenende angezettelten Buch-Date ist meine Lesepartnerin Aequitas et Veritas, und sie hat mir folgende Bücher empfohlen:

Titus Müller: Der Schneekristallforscher, Gabriel García Márquez: Hundert Jahre Einsamkeit und Joe Haldeman: Der ewige Krieg.

Ich habe mich für den Schneekristallforscher entschieden. Fast hätte ich direkt erstmal das falsche Buch bestellt, denn es gibt auch einen Band: Der Schneeflockenforscher von Fritz Lehn. Weird! Da geht es offenbar ebenfalls um einen Außenseitertypen, der sich weniger seinen Pflichten (im Dreißigjährigen Krieg) als der Schönheit der Natur widmet, aber davon vielleicht ein andermal …

Der Schneekristallforscher ist ein Roman über den historischen Farmer Wilson Bentley, dem es Ende des 19. Jahrhunderts als erstem gelang, Schneeflocken unter dem Mikroskop zu fotografieren und der eine Sammlung von Schneekristallfotografien erstellte, die sich heute im Buffalo Museum of Science befindet.

Der junge, etwas kauzige Wilson muss zusammen mit seinem Bruder die väterliche Farm weiterführen, widmet aber jede freie Minute seiner Liebe für Schneekristalle. Sein Vater ist enttäuscht, der Bruder genervt, die Mutter unterstützt ihn halbherzig. Auch die Pläne des Vaters für die Familienplanung gehen nicht auf. Das Mädchen, das er für Wilson vorgesehen hat, ist halb noch ein Kind und außerdem hat Wilson sein Herz ganz woanders. Er verliebt sich in die Dorflehrerin Mina, die aus New York angereist ist. Sie sind beide etwas schüchtern und unbeholfen und scheinen ganz gut zusammen zu passen. Sie macht ihm Mut, seine Fotografien an eine Fachzeitschrift zu senden. Aber er bekommt eine Absage, und am selben Tag einen Brief von Mina, dass sie eilig nach New York zurückkehren musste. Er fasst den Beschluss, ihr nachzureisen und sie zu suchen. Er findet sie auch tatsächlich in New York, und alles ist vollkommen anders als man denkt.

Irgendwie ist das Buch echt merkwürdig, aber das liegt wohl daran, dass es auf einer wahren Biografie beruht, und das Leben ist manchmal eben echt merkwürdig. Die Geschichte ist unauffällig und leise, aber auch ein bisschen skurril und awkward, so wie die beiden Protagonisten. Sie zeigt, dass das unscheinbare Kleine manchmal auf bemerkenswerte Weise hinausragen kann in die große Welt. Ich habe das Buch wirklich gerne gelesen, und die Stimmung passt sehr gut zu einem späten Dezembertag. Wenn man Zeit hat, kann man es am Vormittag beginnen und wenn es dunkel wird gelesen aus der Hand legen.

Danke, Aequitas, für diese Empfehlung. Wer hätte gedacht, dass es zwischen unseren Lichtjahre voneinander entfernten Lesewelten eine so schöne Überschneidung gibt. Ich habe mich richtig gefreut, als das bestellte Buch hier ankam. Es ist wirklich ganz samtweich. 🙂

Hier geht es zum Sammelbeitrag aller Buchbesprechungen: https://wortgeflumselkritzelkram.wordpress.com/2016/12/01/buch-date-sammelbeitrag

P.S.: Eine Sache, die mich immer wieder irritiert, ist, wenn jemand das doppelte Perfekt („hatte gegessen gehabt“) verwendet. Ich finde es nicht schön, aber es ist umgangssprachlich oder dialektal wohl recht verbreitet. Titus jedenfalls verwendet dieses Doppelperfekt, und da mir das in ansonsten standardsprachlichen Werken bisher nie begegnet ist, habe ich mich gleich, wie es meine Unart seit allgegenwärtiger Verfügbarkeit des Internets geworden ist, in mehreren Foren durch die linguistischen Tiefen der Diskussionen um die Verwendung dieser Form gelesen. Ich bin immer wieder beeindruckt und belustigt über die Forendiskussionskultur. Aber auf jeden Fall hat canoo.net Flexionstabellen dafür angelegt. Damit zählt’s.

 

Phantastische Erzählungen von Jorge Luis Borges

Eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe!

Eigentlich könnte ich das so stehen lassen. Andererseits könnte ich auch die eine oder andere Äußerung dazu fallen lassen, was vielleicht dem Wesen einer Buchbesprechung etwas dienlicher ist als ein gewisser Hang zur Wortkargheit.

23 Erzählungen, die eins gemeinsam haben: Auf irgendeine unerhörte Weise tritt etwas Mystisches, Magisches, Metaphysisches in die wirkliche Welt ein.

Im Berichtstil werden Ereignisse geschildert, in denen der Protagonist (teils historische Personen) bzw. der Sprecher (u. a. Borges als er selbst) Zeuge einer unerhörten Gegebenheit wird oder eine Erkenntnis erlangt, die sich mit den Gesetzen der Physik nicht erklären lässt.

In der Geschichte Der blaue Tiger reist ein „Professor für abend- und morgenländische Logik“ auf der Suche nach dem seltenen blauen Tiger in ein Dorf, dessen Name ungenannt bleibt und übertritt dort, die Warnungen der Einheimischen ignorierend, die Grenze zu einem heiligen Ort, da er der Heiligkeit keine Bedeutung beimisst. Er findet dort das, was die Einheimischen den „blauen Tiger“ nennen. Tiefblaue Steine, die zugleich einer oder mehrere sein können. Was ihm im ersten Moment wie Magie erscheint, wird ihm bald zur Qual, weil das Wissen um die Existenz von Objekten, die den Gesetzen der Physik nicht unterworfen sind, ihn langsam in den Wahnsinn zu treiben droht.

Viele der Erzählungen verweisen auf eine metaphysische Ebene, auf das Vorhandensein paralleler Wirklichkeitsstrukturen, um die es ein Geheimwissen gibt, die aber vor der Öffentlichkeit verborgen bleiben.

Umberto Eco, dessen Romane ich ebenfalls sehr schätze und der das Vorwort zu dieser Ausgabe* verfasst hat, hat sich (insbesondere in Der Name der Rose aber auch in Das Foucaultsche Pendel) stark an Borges orientiert und ihn sogar selbst als literarische Gestalt mitsamt seiner Bibliothek von Babel (auch eine Geschichte aus diesem Band) in Der Name der Rose auftreten lassen. Der Geist von Ecos Romanen ist mit dem von Borges Erzählungen verwandt: Bei Borges ist es die Kürze, die Konzentration auf eine Begebenheit, bei Eco der komplexe architektonische Bau.

Über diese Art von Literatur kann man Stunden plaudern, aber ich empfehle doch, sie einfach zu lesen. Es ist auf jeden Fall eine Welt, in die man eintauchen und in der man sich auch leicht ein bisschen verlieren kann.

*Ich habe eine eigenartige Ausgabe, einen Nachdruck von 1983 vom Nord Verlag, vorliegen, die nicht verrät, wer die Übersetzungen angefertigt hat.

„Dessine-moi un mouton …“* – Seite 12 of the day

„Zeichne mir ein Schaf!“

Der kleine Prinz ist ein seltsames Buch, das ich nie ganz verstanden habe, an das ich aber immer wieder denke, und besonders in der Herbstzeit, vermutlich, weil ich es früher oft im November und Dezember als Hörbuch angehört habe. Nicht zuletzt, weil ich die Stimme von Will Quadflieg gern hörte …
Ich glaube, der größte Fehler, den ich bei diesem Buch immer gemacht habe, war der, nach einem Sinn zu suchen, nach einer Auflösung, nach den Antworten auf all die Fragen: Warum ist der Planet des kleinen Prinzen so klein? Was ist das für eine Beziehung, die er zu seiner Rose hat? Warum konnte er mit einem Vogelschwarm auf die Erde kommen, aber nicht auf gleichem Wege zurück? Warum kann ihn nur das Gift einer Schlange zurückbringen? Ist er am Ende tot? Und warum beantwortet der kleine Prinz nie Fragen, die der Pilot ihm stellt?

In der Widmung bittet Antoine de Saint-Exupéry um Entschuldigung, dass er dieses Buch einer großen Person, einem Erwachsenen widmet. Sollte es etwa eigentlich ein Buch für Kinder sein? Können Kinder dieses Buch verstehen? Aber er ändert seine Widmung: An Léon Werth, als er ein kleiner Junge war. Ich glaube, das Buch ist so schwer zu verstehen, weil es ein Buch für Erwachsene ist, die es lesen können wie Kinder: ohne in allem Metaphern zu sehen und alles aufschlüsseln zu wollen.

Ich kann jedenfalls sagen: Ich mag es mehr und mehr, und ich glaube, ich krame das alte Hörbuch die Tage mal wieder aus der Kiste.

*Antoine de Saint-Exupéry: Le Petit Prince. Luçon 2010, S. 12.

Meinen Hass bekommt ihr nicht von Antoine Leiris

Der Journalist Antoine Leiris verfasste wenige Tage nach dem Anschlag im Bataclan in Paris im November 2015 einen Eintrag in Facebook:

„Freitag Abend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes, aber meinen Hass bekommt ihr nicht.“

Dem Eintrag folgte ein kurzer Band mit tagebuchartigen Einträgen, die Leiris in den zwei Wochen nach dem Anschlag und dem Tod seiner Frau niederschrieb.

Leiris macht deutlich: Er will sich nicht auf das „Spiel“ einlassen.

Vor Augen hat Leiris vor allem das Leben seines 1 1/2-jährigen Sohnes Melvil, den er frei und glücklich aufwachsen sehen möchte.

Ich weiß nicht, ob Leiris den Band auch als eine Art Aufruf an diejenigen versteht, die die Folgen eines solchen Anschlags nicht unmittelbar miterlebt haben.

Der Gedanke drängt sich jedenfalls auf: Wenn jemand, dessen Frau von Terroristen erschossen wurde, dem Hass abschwören kann, müsste eine solche Haltung nicht umso einfacher sein für diejenigen, die davon nur in den Nachrichten lesen?

Ist es nicht ein größeres und konsequenteres Zeichen gegen Terror und Gewalt, sich auf Gegengewalt nicht einmal gedanklich einzulassen?

Hier könnt Ihr den Facebook-Eintrag, der auch Teil des Buches ist, anhören. Gelesen auf Englisch für BBC von Antoine Leiris: (https://www.youtube.com/watch?v=rZ-1iA-56k0).

Leserunde

Ich besuche mit dem Gedanken, andere Menschen zu treffen, die auch gerne lesen, einen Lesekreis, der fast ausschließlich aus etwas verstaubt wirkenden Leuten besteht. Bei der Begrüßung durch einen älteren Herrn, der mich an den Bürgermeister in dem Helge-Schneider-Film Texas erinnert, schaue ich zum ersten Mal auf die Uhr. „Ich lese mal schnell ein Gedicht vor … So, das war‘s auch schon. Na ja, also ich fand’s ganz lustig. So, jetzt kann der nächste.“

Ich sehe mich unauffällig in der Runde um. Strenge Gesichter, die keine Spur von Humor oder Leichtigkeit tragen. Nichts scheint diese Menschen zu verbinden. Ich denke: Die sind alle aus ihren stillen Lesekämmerlein, ihrer Einsamkeit, ihrem mehr oder weniger unerfreulichen Alltag hier zusammengekommen, um mit freudlosen Gesichtern vor kleinen Bücherstapeln zu sitzen.

Meine Sitznachbarin wird später einen kleinen Anfall bekommen, als jemand ein Buch vorstellt, in dem es um die Liebe zwischen zwei Frauen geht. „Also solche pornografischen Inhalte – davon möchte ich wirklich nichts hören. Das ist ja scheußlich.“ Von den anderen findet es keiner scheußlich, die Story ist allerdings ziemlich abgedreht. Natürlich habe ich den Titel vergessen. „Also ich möchte jetzt wirklich mal wissen, was unser junger Gast dazu sagt“, bringt meine Sitznachbarin mich in Verlegenheit, aber irgendwie komme ich darum herum, mich hier konkret äußern zu müssen.

Der ganze Abend war recht skurril, und als der Bürgermeister endlich meint, es sei spät genug, um guten Gewissens sagen zu können, dass die Literaturliebhaber keine Pedanten sind, die um Punkt Schlag Halb Schluss machen, eile ich amüsiert nach Hause und bemerke erst in den folgenden Tagen: Die Vorstellung der Bücher (u.a. der letzte Band von Günter Grass Vonne Endlichkeit, Go set a watchman von Harper Lee) in diesem eigenartigen Lesekreis war lebendig – und nachhaltig. Nach einem der Bände habe ich gleich die Bücherei durchstöbert. Meinen Leseeindruck gibt es demnächst hier zu lesen.

 

 

Black Books

Heute möchte ich eine meiner Lieblingsserien vorstellen. Sie ist skurril, witzig, und es geht um Bücher.

Bernard Black ist der Besitzer eines kleinen Buchladens in London, so ein Laden, wie ein Buchliebhaber ihn sich nur wünschen kann. Besonders gut läuft der Laden allerdings nicht, denn Bernard hasst Kunden. Ständig wollen sie etwas von ihm, vor allem Bücher kaufen. Lästig für den übellaunigen Iren, und das einzige, was er noch weniger ausstehen kann, ist Papierkram. Er lässt nichts unversucht, um der Buchhaltungsbürokratie zu entgehen. Doch dann tritt Manny Bianco in sein Leben, ein ehemaliger Buchhalter, der seinen Bürojob leid ist und außerdem gerade versehentlich ein Büchlein mit Weisheiten verschluckt hat …

Bernard, der einen ausgeprägten Hang zu Alkoholexzessen hat, stellt völlig betrunken Manny als neuen Mitarbeiter ein und wird ihn von da an nicht mehr los. Zusammen mit der Shop-Nachbarin Fren, die ebenfalls einen gewissen Hang zum Versumpfen hat, bilden die beiden von nun an eine ungleiches und urkomisches Team. Schaut selbst: